Nach einer Führung, die vor allem über Kontrolle funktioniert hat, war mein Reflex erstmal das Gegenteil: möglichst wenig Regeln. Vertrauen. Erwachsene Menschen, erfahrene Kolleginnen und Kollegen. Die wissen doch, was sie tun.
Bei manchen ist genau das perfekt. Sie wollen ihren Job machen, kennen ihr Fach und brauchen vor allem Platz. Zu viele Vorgaben würden sie eher bremsen.
Und dann gibt es Menschen, die mit derselben Freiheit deutlich weniger anfangen können. Ich habe ausdrücklich gehört: Mit klareren Regeln und Vorgaben wäre es für uns einfacher, gerade wenn wir uns mit Kolleginnen und Kollegen abstimmen müssen.
Das hat mich ehrlich gesagt überzeugt. Wenn jeder eigene Regeln hat, ist Freiheit spätestens dann vorbei, wenn mehrere Menschen gemeinsam entscheiden müssen.
Ein gemeinsamer Rahmen spart erstaunlich viele Diskussionen
Wenn fünf Menschen dieselbe Aufgabe nach fünf eigenen Systemen bearbeiten, muss das erstmal kein Problem sein. Sobald sie zusammenarbeiten, kommen aber ziemlich schnell Fragen auf. Welche Vorgehensweise gilt? Was ist verbindlich? Wo darf ich abweichen? Wer entscheidet, wenn zwei Lösungen fachlich vertretbar sind?
Ein paar klare Leitplanken lösen davon ziemlich viel.
Das andere Extrem kenne ich allerdings auch. Menschen, die für Fall A exakt Lösung B brauchen und bei einer kleinen Abweichung sofort A2 und B2 möchten. In Beratung oder Dienstleistung kommt man damit nicht weit. Kunden halten sich leider selten an unser Regelbuch.
Es gibt kein Regenschirmprinzip
Der eine braucht ein Ziel und meldet sich, wenn etwas schiefläuft. Die nächste möchte vorher wissen, welche Grenzen gelten. Jemand anderes arbeitet bei einem vertrauten Thema völlig frei und braucht bei einer neuen Aufgabe erstmal deutlich mehr Orientierung.
Es gibt da kein Regenschirmprinzip, das man einmal aufspannt und dann passt es für alle.
Und mir ist wichtig: Wer nach Klarheit fragt, ist nicht automatisch unselbstständig oder fachlich schwächer. Umgekehrt ist jemand nicht automatisch besser, nur weil er mit wenig Vorgaben gut klarkommt.
„Freiheit funktioniert besser, wenn klar ist, wo sie beginnt und wo sie endet.“
Eigenverantwortung ist kein Ersatz für Führung
Der Begriff Eigenverantwortung kann ziemlich bequem werden. Mitarbeitende sollen selbst entscheiden, obwohl vorher nie geklärt wurde, was sie überhaupt entscheiden dürfen. Sie sollen sich untereinander einigen, obwohl niemand gesagt hat, was im Zweifel Vorrang hat.
Wenn es dann nicht funktioniert, heißt es schnell, das Team müsse eben eigenverantwortlicher werden. Das ist mir zu einfach.
Ein guter Rahmen sagt nicht bei jedem Schritt, was zu tun ist. Er klärt, was verbindlich ist, wo Spielraum besteht und wann Rücksprache nötig ist. Innerhalb davon kann sehr viel Freiheit entstehen.
Gerade KMU haben dabei einen Vorteil. Man kann Unterschiede zwischen Menschen eher berücksichtigen, ohne für tausende Beschäftigte ein einheitliches System bauen zu müssen. Das funktioniert aber nur, wenn man akzeptiert, dass nicht jede Person dieselbe Menge an Freiheit als Freiheit erlebt.
Ich halte deshalb weder ein dickes Regelbuch noch „wir brauchen überhaupt keine Regeln“ für besonders überzeugend. Meistens liegt die brauchbare Lösung irgendwo dazwischen.
Und ja, das hängt auch mit Hierarchie zusammen. Warum flache Strukturen trotzdem klare Rollen brauchen, habe ich hier aufgeschrieben.
Der Text basiert auf Beobachtungen aus meiner Führungspraxis. Situationen und Aussagen sind bewusst verallgemeinert, damit es um das Muster geht und nicht um einzelne Personen.